Der Ukraine-Krieg macht einen frühen Kohleausstieg noch sportlicher

Ein Fachabend am 17. März lotete Perspektiven im Rheinischen Revier aus, wie sich Klimaziele, Dörfer und Böden trotz neuer Verwerfungen auf dem Energiemarkt retten lassen

Kohleabbau (c) Thomas Hohenschue
Kohleabbau
Datum:
Fr. 18. März 2022
Von:
Thomas Hohenschue

Dem Rheinischen Revier kommt eine Schlüsselrolle in der Frage zu, ob es Deutschland gelingt, seine Klimaziele zu erreichen. Hier muss ein früher Ausstieg aus Abbau und Verstromung von Braunkohle gelingen. Sonst ist das 1,5 Grad-Ziel verloren, das eine völlige Entgleisung des Weltklimas vermeiden soll. Für viele Menschen zwischen Erkelenz und Kerpen hat die Frage eine zusätzliche Bedeutung, weil es um den Erhalt von Dörfern, hochwertigen Böden und Kulturlandschaften geht. Der Ukraine-Krieg erschwert den Ausstieg nun zusätzlich, wie ein Online-Fachabend am 17. März eindrücklich nachzeichnete.

Die Krise in Osteuropa hat schon vor Kriegsausbruch ihre Schatten auf den Energiemarkt geworfen. Das kann Dr. Michael Ritzau, ein Referent des Abends und Gründer des Aachener Beratungsbüros BET, bestens belegen. 2021 hat es sich trotz des hohen CO2-Ausstoßes und damit verbundener Kosten wieder wirtschaftlich für die Konzerne gelohnt, die Produktion von Kohlestrom hochzufahren. Treiber dafür waren explodierende Energiekosten. Die Margen für die Kraftwerksbetreiber stiegen entsprechend. Nun, in Kriegszeiten, sind die Preise weiter auf exorbitant hohem Niveau.

Diese Entwicklung ist ausgesprochen ungünstig in einem Szenario, in dem es eigentlich darum gehen muss, so rasch wie möglich die mehr als 50 Jahren alten Kraftwerksblöcke zum Beispiel in Weisweiler abzuschalten und den Abbau von Kohle gerade in Garzweiler deutlich einzuschränken. Stärker noch als zuvor kommt nun das Problem der Versorgungssicherheit auf den Tisch. Bislang galt Erdgas als die benötigte Brückentechnologie, um die Zeit zu gestalten, bis Stromgewinnung aus regenerativen Energien mit Ausbau von Netzen und Speichern auf breiter Basis realisiert ist.

Diese Pläne zerfallen gerade. „Wir müssen alles neu rechnen“, bekannte Dr. Michael Ritzau. Mit Respekt beobachtet er den Ehrgeiz, den die neue Bundesregierung auf dem Gebiet hinlegt. Der massive Ausbau von Windkraft auf dem Land und Photovoltaik sei der Königsweg, auch um andere Visionen wie eine Industrie, die mit grünem Wasserstoff betrieben wird, zu verwirklichen. Aber waren diese Ziele schon vor der Verknappung und Hochpreisigkeit des Erdgases ehrgeizig, wird es jetzt noch einmal sportlicher. Hier muss der Staat nun steuern, der Markt allein richtet es nicht.

Die alten Kraftwerksblöcke länger laufen zu lassen, würde auch den Szenarien widersprechen, die Dr. Henry Riße beschrieb, der zweite Referent des Abends und Ingenieur für Wasserwirtschaft. Hambach besser auskohlen, dafür bei Garzweiler II reduzieren und Lützerath in einer Insellösung wie früher Neu-Lohn stehen lassen, das Restloch im Osten stärker verfüllen, Ressourcen besser nutzen, eine terrassenförmige Rekultivierung zulassen, um den Flächenverbrauch zu verringern – es gibt viele Möglichkeiten, Böden und Dörfer zu retten. Allein es scheitert am Willen des Bergbautreibenden.

Das Wasser ist darüber hinaus ein Kernthema, das in der öffentlichen Debatte häufig zu kurz kommt. Riße betonte, dass es einen bis zu 300 Meter tiefen See geben werde, wenn es bei den bisherigen Plänen bleibt. Voll wäre er erst in 40 Jahren nach Ende des Bergbaus, das umliegende Grundwasser werde erst 100 Jahre später wieder auf vorherigem Niveau angestiegen sein. Wichtige Fragen seien offen, etwa die nach der Qualität des Rheinwassers und wie sich bei Niedrigwasser am Rhein die nötige Speisung für Niers und Schwalm gewährleisten lasse. Und Riße sah am Horizont die Gefahr einer Sulfatisierung des Grundwassers an einigen Stellen im Rheinischen Revier.

Aus den bedrängenden Erkenntnissen und Projektionen des Abends ergibt sich eine argumentative Zurüstung für die politischen Gespräche und Proteste rund um die Zukunft des Rheinischen Reviers. Die Kooperationspartner bleiben mit den 50 Teilnehmer:innen am Thema dran. Mit dem Diözesanrat der Katholiken im Bistum Aachen in diesem Feld verbunden sind der Evangelische Kirchenkreis Jülich und die Initiative 3 Rosen e.V.